Zur übersicht Neues aus Irland - Startseite Irland-reise.org oder besuchen Sie doch auch mal meine andere Irland Seite: Irland Rundreise



Marienerscheinung in Knock

Andere Länder, andere Sitten; ist schon klar. Als ich letzte Woche h๖rte, dass ein gewisser Joe Coleman und ein Herr Keith Henderson offiziell erklärten, dass es am 31.10.2009 eine Marienerscheinung in Knock Basilica geben würde und das diese Nachricht es bis in die offiziellen Nachrichten schaffte, war ich schon etwas perplex. Wir reden hier von einer seri๖sen Nachrichtensendung und Maria Mutter Gottes.

Mir ist schon klar, dass auf einigen Kanälen momentan Seancen übertragen werden, wo irgendwelche Spinner den Geist Michael Jacksons life im Fernsehen beschwören wollen, doch das sind Boulevardsendungen, um diesen Euphemismus mal zu gebrauchen. Wenn sich irgendein Spinner vor den Kölner Dom stellen würde und die Ansage machte, dass in ein paar Tage die Mutter Gottes zu ihm sprechen würde, kann ich mir nicht vorstellen, dass er es damit in die Tagesthemen schaffen würde.

Vielleicht würde "Explosiv" (gibt es das noch?) davon berichten, aber vermutlich nur, wenn ihn jemand verhaften und in die Klappsmühle stecktee. Wie gesagt, ich hörte von dieser Marienerscheinung auf "Newstalk", was ich insgesamt als ungefähr so seriös wie N-TV einstufen würde.

Coleman und Henderson behaupten, Maria hätte ihnen vor ein paar Wochen erklärt, wann sie wo erscheinen würde (sie war sogar recht präzise: 31.10.2009, 15.00 Uhr) und dass sie den beiden eine Nachricht mit auf den Weg geben würde. Als Berufsbezeichnung – ich hatte von Beiden noch nie gehört – wurde in diesem Zusammenhang Geistheiler und Marienvisionär angegeben. ähmmmm, wie bitte?

Wahrscheinlich hätte ich das Ganze als Halloween Scherz abgetan, doch nein. Tatsächlich machten sich etwa 10.000 Pilger auf den Weg nach Knock und wenn ihr denkt, das sei ne Menge, seid ihr schief gewickelt. Die "Veranstalter hatten mit 50.000 Gläubigen gerechnet. Die meisten der Besucher waren – der Zeitungsmeldung zufolge – Zigeunerfrauen in knappen Kleidchen (ich zitiere hier nur die Irish Times), was so manchem der Besucher als die fesselndere der Erscheinungen vorgekommen sein soll. Das blieb aber nicht die einzige seltsame Begebenheit des Tages.

Joe und Keith erschienen gegen Mittag und zwar im Auto und chauffiert von der Chefin einer bekannten Dubliner Marketing Agentur. Ein Schelm wer Böses dabei denkt. Sie sei rein privat hier, ließ sie sich denn auch gleich vernehmen.

Joe, Wortführer der Beiden, erklärte, Maria erscheine ihm schon seit seiner Kindheit. Am 11. Oktober sei sie ihm wieder mal erschienen und sie sein zornig gewesen, sehr zornig, und zwar mit der Kirche. Beleidigt sei sie worden und sie verlange Respekt.

Auch Joe war zornig und zwar wegen der Behörden in Knock, die sich geweigert hätten, eine Marienstatue in die Basilika zu bringen und die Türen zu verschließen. Pat Lavelle – Manager des Schreins – pochte darauf, dass die Basilika ganzjährig geöffnet sei und es keine Ausnahmen gäbe. Daraus entwickelte sich denn auch gleich ein kleines Wortgefecht, in dem sich Joe und Pat gegenseitig als Lügner bezeichneten. Lediglich Keith blieb halbwegs gelassen, was sich daraus erklären mag, dass er noch relativ neu im Zirkus der Hellseher sei. Ihm sei die Mutter Maria erst viermal erschienen.

Die beiden Missionare in Sachen Gottesmutter wurden sogleich von Frauen bestürmt, die wissen wollten, was denn nun passieren würde. Keith erklärte, dass Maria um 3 Uhr erscheinen würde und man die Basilika ab 2 Uhr benötigen würde, damit man noch etwas beten könne. Ach ja, und Heilungen würde er nicht vornehmen.

Wer denkt, dass es viel skurriler nicht mehr geht; im Gefolge der beiden Männer war auch eine gewissen Maura Martin, die ein großes Kruzifix vor sich hertrug und ansonsten nur gelassen lächelte. Leuten, die sich ihr näherten, legte sie die Hand auf und küsste sie, ganz als wolle sie die Leute segnen. Niemand kannte die Frau und auf die Frage, warum sie das tue, antwortete sie, dass sie ein über hundert Jahre altes Kreuz trage. Mehr war ihr nicht zu entlocken.

Gegen 14 Uhr war die Kirche tatsächlich gefüllt, einen Priester sah man allerdings weit und breit nicht. Schon im Vorfeld hatte sich die Kirche von dem Spektakel distanziert und es als wenig hilfreich bezeichnet. Verdenken kann man es ihr nicht. Der wirklich seltsame Teil der Veranstaltung lag noch vor den Besuchern.

Joe und Keith hatten sich im Altarbereich aufgebaut und beteten. Der Countdown startete, die Minuten zogen sich. Je näher der Termin rückte, desto hysterischer wurden die Zwischenrufe. Einige der Anwesenden beteten, andere vertrieben sich die Zeit mit Chips und anderen Naschereien.

Schließlich schlug es 3 Uhr und … es passierte nichts. Keith Henderson hatte sein berühmt debiles Grinsen aufgesetzt, was vermutlich den Anschein von Glücksseligkeit vermitteln sollte. 20 lange Minuten nichts.

Ein Großteil der Anwesenden dämmerte langsam weg, der Rest betete umso intensiver. Plötzlich entstand Unruhe und plötzlich ein Ansturm auf die Tür. Ein Ruf schallte durch die Kapelle: Sie ist draußen. Sch***e, wir hätten draußen bleiben sollen. Der Reporter der Irish Times konnte sich nicht verkneifen, darauf hinzuweisen, dass es sich bei dem ordinären Fluch um eine weibliche Stimme handelte.

Die Menge rannte nach draußen, nur die beiden Marienpropheten und ein paar Unverdrossene verblieben in der Kirche. Schließlich stand Keith auf und sagte: Danke Mutter.

Draußen beobachtete die Menge entweder eine … ja und hier scheiden sich die Geister … Marienerscheinung oder ganz schlicht und ergreifend die sich langsam senkende Sonne. Es war jedenfalls sehr hell. Auch über das was genau man gesehen haben wollte, gingen die Meinungen auseinander. Andere sahen eine Oblate, andere darin das Gesicht der heiligen Mutter, einige hatten Gott selbst gesehen. Jason Delaney aus Salthill meinte, Bruce Forsyth erkannt zu haben. (In Großbritannien ist Bruce Forsyth ein bekannter Showmaster.)

Jason war auch derjenige, der den Donner gehört hatte. Später wollte auch andere den vernommen haben. Darunter war auch Brenda. Sie war extra aus London eingeflogen und sehr beeindruckt. Sie fühlte, wie sich die Erde unter ihr bewegte und ja, das Grummeln. Brenda kannte sich aus. Sie arbeitete in London mit Exorzisten und hat schon so manche Teufelsanbetung gesehen.

Die beiden Visionäre hielten sich bedeckt. Joe bestätigte, dass er eine Nachricht von der Gottesmutter empfangen hatte, mitteilen wollte er die im Moment aber nicht. Vielleicht später.

Im nahegelegenen Claremorris hieß es später, ein blinder Junge sei geheilt worden. Ja, und dann ging man zum nahtlos angenehmen Teil des Abends über: Halloween.

So ist das also im "neuen Irland". Jahrelang feierte man die Magier an den Finanzplätzen, jetzt sind es Joe und Keith. Eigentlich haben sich die Dinge also zum besseren gewendet. Seltsam fand ich es trotzdem.



Dublin, 11/2009



Artikelübersicht

Hier findet ihr die einzelnen Beiträge in chronologisch absteigender Reihenfolge verlinkt. Die neueren Beiträge stehen also weiter oben.

2013
- Führungswechsel in der Raserkartei
- Erlternzeit statt Mutterschutz?

2012
- Irland weint
- Irland sagt JA
- Irland soll es mal wieder richten
- Irland an vorderster Front

2011
- Formel 1 kommt nach Dublin
- Queenbesuch in Irland
- Mit Irland geht es zu Ende
- Irische Regierung kollabiert

2010
- Mit Steuergeld aus der Krise?
- Deutsche sterben bei Bootsunfall
- Vergesslichkeit am Bau
- Wo wären wir ohne die Banker
- Schadenfreude, schönste Freude
- Sexy Poster provoziert Skandal
- Tassen hoch am Karfreitag
- Meteor explodiert über Irland
- Reifeprüfung
- Notstand in Irland

2009
- Marienerscheinung in Knock
- Keltischer Tiger lahmt nicht mehr
- Blasphemie in Irland jetzt strafbar



Zurück zur Startseite

Kontakt


Texte © Kristos the Graceless

Diese Seite wurde getestet und für gut befunden auf Opera, Mozilla Firefox und Iron. Internet Explorer habe ich nicht, kann ich also nicht testen.