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Reifeprüfung oder die Geschichte der Mrs. Robinson

Es gibt Geschichten, Zufälle, die sind einfach zu schön, um wahr zu sein. Wenn die 59-jährige Gattin eines amtierenden, konservativen "Ersten Ministers" eine Affäre hat mit einem 19-Jährigen, ist das sicher ein Reißer, wenn die Gute dann aber auch noch Mrs. Robinson heißt, dann muss jeden anständigen Klatschjournalisten der Schlag treffen. Soviel Glück kann keiner haben. Und trotzdem ist es passiert; Irland (und sei es auch nur Nordirland) hat seine Mrs. Robinson und die ganze Welt lacht.

Für die Jüngeren unter Euch; 1967 spielte Dustin Hoffmann im Film "Die Reifeprüfung" (engl. The Graduate) einen jungen Mann, der gerade das College abgeschlossen hat und nun nicht so recht weiß, was er mit sich und seiner Zukunft anfangen soll. Auf einer Party trifft er die etwas ältere, verheiratete durchaus aber attraktive Mrs. Robinson. Sie ist eine Freundin seiner Eltern und hat eine Tochter in seinem Alter. Mrs. Robinson verführt den jungen Mann und es entspinnt sich eine leidenschaftliche Affäre, bei der es wirklich nur um Eins geht. Und das ist nicht reden. Der Film war seinerzeit ein Skandal und machte Dustin Hoffman zum Star.

Der Soundtrack zum Film stammt von Simon und Garfunkel und Mrs. Robinson wurde zu einem ihrer größten Hits. Und dann kommt die nordirische Abgeordnete Iris Robinson daher und reißt so einen Stunt. Unglaublich.


Nun Iris Robinson ist nicht nur Mitglied für die DUP (Democratic Unionist Party) im nordirischen Parlament, sie ist auch die Angeehelichte des "Ersten Ministers" (so eine Art Ministerpräsidenten) Nordirlands, dem ehrenwerten Peter Robinson. Der Mann kann einem wirklich Leid tun.

Der legte im Zuge dieser Affäre für sechs Wochen alle Ämter nieder, um sich "auf die Familie zu konzentrieren". Er will wohl erstmal aus dem Schussfeld. Verdenken kann man es ihm nicht. Die Hörner, die seine Frau ihm aufsetzte, würden jedem Elch zur Ehre gereichen.


Es geht aber nicht nur um die Affäre seiner Frau sondern auch um Untreue. Angeblich gewährte Iris Robinson ihrem Lover "Vergünstigungen" über das übliche Maß hinaus. Neben sexuellen Gefälligkeiten setzte sie sich auch für ihn ein, als es darum ging, einen Pachtvertrag für ein Cafe in Belfast zu vergeben. Sie missbrauchte also ihren politischen Einfluss.

Obendrein soll sie ihm auch noch 50.000 Pfund Startkapital zugeschanzt haben. Das kam angeblich von einem befreundeten Bauunternehmer im Tausch für Lobbyarbeit. Spätestens an der Stelle hört der Spaß auf, da dies hätte offengelegt werden müssen.

Die Frage ist nun, wie viel ihr Mann wusste. Er ist in seiner Position belastet, obwohl ihm in diesem Fall wohl niemand unterstellen will, dass er in alle Einzelheiten eingeweiht war. Ganz im Gegenteil. Es heißt allerdings, er wusste schon seit geraumer Zeit von dem Kredit.


Um seinen Namen reinzuwaschen, legt Robinson nun also eine Pause ein. Ganz freiwillig geschah das freilich nicht. Offiziell unterstützt ihn die Partei zwar, aber insgeheim wissen alle, dass seine Position schwer erschüttert ist.

Die Robinsons sind erzkonservativ. Ganz besonders Mrs. Robinson war sich in der Vergangenheit für nichts zu schade. Sie bezeichnet sich als wiedergeborene Christin. Als Lieblingsbuch gab sie die Bibel an und ganz wie es sich gehört hetzte sie in aller öffentlichkeit gegen Schwule. Da werden sicher ein paar Leute ins Schmunzeln geraten. Wenn jemand, der sich in der Vergangenheit auf ein derart hohes, moralisches Podest begeben hat, einen solchen Absturz hinlegt, darf man schon mal schadenfroh sein.

Vor allem, da immer neue Details ans Licht der öffentlichkeit kommen. So hatte sie nicht nur eine Affäre mit besagtem Kirk McCambley sondern angeblich schon mit dessen Vater. Er war ihr Metzger und verstarb 2008 an Krebs. Demnach kannte sie den Jungen seit dem frühesten Vorschulalter. Die Geschichte ist an Abstrusität kaum zu überbieten.

Angeblich versuchte Mrs. Robinson sich im Zuge der Affäre das Leben zu nehmen. Sie wurde in eine Anstalt eingewiesen, wo sie wegen Depressionen behandelt wird. Ihr Abgeordnetenmandat musste sie zurückgeben und sie wurde aus der Partei ausgeschlossen.

An der Basis brodelt es trotzdem und wie Parteigründer Ian Paisley die Sache sieht, wollen wir gar nicht wissen. Der greise Prediger ist ein Zelot alter Schule. Er schärft wahrscheinlich gerade die Heugabel und errichtet einen Scheiterhaufen.

Die UDP steht traditionell ganz rechts außen im politischen Spektrum. Sie ist so konservativ, dass sie im amerikanischen "Bibel-Belt" Schwierigkeiten bekäme. Die Partei steht der presbyterianischen Freikirche Nordirlands nahe und die ist noch konservativer als die UDP selbst.

Bis in die siebziger Jahre mussten Frauen in der öffentlichkeit ein Kopftuch tragen, zum Gottesdienst müssen sie es bis auf den heutigen Tag. Die Freikirche verbot sogar Kindern, am heiligen Sonntag zu spielen. Nach ihrer Lesart ist es ein Form von Arbeit und somit eine Störung des heiligen Sabbats. Ian Parsley seines Zeichens auch Gründer der Glaubensgemeinschaft war sich nicht zu schade, einen Besuch des Papstes dafür zu nutzen, die Welt davon in Kenntnis zu setzen, dass er der Antichrist sei. Bis zu einem gewissen Grade kann man da vielleicht nachvollziehen, WIE weh die Affäre tut. Dass ausgerechnet eine selbst in dieser Umgebung als Hardliner bekannte, führende Repräsentantin in fremden Betten wühlt, ist schon ein ziemlicher Tritt ins Gemäch. Mit dem sprichwörtlichen Schlag ins Gesicht lässt sich das nicht umschreiben.

Im schlimmsten Fall könnte an der Affäre die Regierungskoalition zerbrechen. Der Bündnispartner Sinn Fein zeigt momentan zwar Verständnis, aber die katholischen Nationalisten sind nicht eben für ihre unendliche Geduld bekannt.

Ich muss offen gestehen, dass ich der Sache, etwas abgewinnen kann. Wann immer es jemand von diesen Moralaposteln trifft, diesen Scheinheiligen, die jahrelang auf Minderheiten rumhacken, ihren politischen Einfluss geltend machen, um andersdenkenden Menschen das Leben schwer zu machen; wenn wieder einmal ein Wasser-Prediger-und-Wein-Säufer als Heuchler überführt wird und es sich herausstellt, dass er/sie viel verdorbener und abgewrackter ist, als die Leute, auf die sie mit Fingern gezeigt haben; wenn sich wieder einmal zeigt, dass die erzkonservativsten Politiker am Ende die schlimmsten Finger sind - die aktuelle Liste der Verfehlungen konservativer Politiker und Würdenträger reicht ja von Kindesmissbrauch, über Inanspruchnahme gleichgeschlechtlicher sexueller Dienstleistungen im öffentlichen Raum, Vorteilsnahme, Bestechlichkeit und Ehebruch - die sogenannt wertkonservativen es also schlimmer treiben als jeder Altachtundsechziger; wenn sich solche Schönschwätzer und Dünnbrettbohrer im Angesicht derer, über die sie sich jahrelang moralisch erhoben haben, völlig zum Arsch machen, dann kann ich mir ein ganz kleines bisschen Schadenfreude einfach nicht verkneifen.

Mitleid muss man mit Mrs. Robinson sicher nicht haben. Selbst in meinen zugegeben recht liberalen Kreisen würde so ein Verhalten als anstößig gelten. Es bringt sicher nichts, noch weiter auf ihr herum zu hacken, immerhin möchte ich es aber ausdrücklich begrüßen, dass es in der politischen Landschaft nun eine erzkonservative Krähe weniger gibt.

Um mit einem alten Werbekalauer zu sprechen: Wenn einem so viel Gutes widerfährt, dass ist schon einen Asbach Uralt wert. Na dann prost und auf ihr Wohl Madam. Wir haben herzlich gelacht.


Nachtrag: Ein paar Spaßvögel versuchen übrigens gerade, den Simon & Garfunkel Klassiker "Mrs. Robinson" auf den ersten Platz der britischen Charts zu hieven, Facebook sei Dank. Schönen Gruß nach Belfast und "Here's to you Mrs Robinson"

Dublin, 01/2010



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