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Besuch bei alten Feinden - die Queen in Irland

Es gibt so Momente, da denkt man: “Dass ich das noch erleben darf ...“. Die Älteren unter uns erinnern sich an den Fall der Berliner Mauer - sicher eines meiner persönlichen Highlights - oder die Abwahl Helmut Kohls, den ersten Menschen auf dem Mond, Sputnik, Zitronenmilch, die ganz glücklichen unter uns an eine Rückzahlung vom Finanzamt vielleicht. Was ich meine, sind diese seltene Momente der Freude, die einem im besten Fall den Glauben an das Gute im Menschen zurück geben, oder einem eine schon verloren geglaubt Dekade in einem freundlicheren Licht betrachten lassen; wenn auch bloß rückblickend.

Einen solchen Moment erlebt Irland gerade. Und wenn nicht das, dann ein déjà vu. Zur Abwechslung geht mal nicht ums liebe Geld oder die bösen Banken; die Rede ist vom Staatsbesuch der englischen Königin Queen Elisabeth II. Dass die mal Fuß auf die Grüne Insel setzt, hätten wohl nur die Wenigsten erwartet. Der letzte Staatsbesuch eines britischen Monarchen liegt immerhin genau 100 Jahre zurück und damals war Irland noch britische Kolonie! Wir reiben uns also die Augen. Und das nicht nur wegen des Besuches an sich. Dublin ist im Ausnahmezustand.

Als altem Berliner erschüttert mich so schnell ja nichts. Wer die deutsche Hauptstadt im Ausnahmezustand überlebt – damals war der iranische Präsident Machmut Ihabdisosatt zu Besuch (oder war es doch dessen Vorgänger Handab Khatami?) - belächelt was sich gerade hier abspielt; für meine einheimischen Freunde und Kollegen ist derlei allerdings neu. Die sind ganz perplex.

In Vorbereitung auf den Besuch von Queen Elisabeth wurden geklotzt wo andere kleckern. Selbst ein temporäres Flugverbot wurde ausgesprochen, solange die Queen in Bewegung ist. Es würde mich nicht wundern, wenn Ratten und Kakerlaken dieser Tage Passierscheine zeigen müssen, um in die Innenstadt zu kommen.

Teile des Stadtzentrums wurden gleich ganz für den Verkehr gesperrt, andernorts gibt es temporäre Schließungen und Umleitungen, Gullideckel wurden verschweißt, ein allgemeines Parkverbot für die Innenstadt ausgesprochen und Tausende Polizisten patrollieren die Straßen. Selbst das Militär hilft aus. Nun gibt es niemanden, der sich an den letzten Besuch erinnern könnte (George V.), aber so ungefähr dürfte es in Dublin damals auch zugegangen sein. Nur das Militär trug andere Uniformen.


Wir beschweren uns trotzdem nicht. In Anbetracht der Situation und der herausragenden Stellung der Monarchin, muss man wohl mit der groben Kelle ausschenken. Wenn da was schief gehen würde, könnte Irland zumachen. Wir tragen es also mit Fassung und üben den richtigen Knicks. Im Radio wurde nämlich gesagt, Handschütteln ist nicht mit der Queen. Nicht das wir Normalsterblichen in diese Verlegenheit kommen würden, aber man weiß ja nie.


Die Erwartungen an den Besuch sind überraschend hoch. Offenbar erwarten viele Iren eine Entschuldigung für die Bluttaten im Namen der Krone. Ob es die geben wird, bleibt abzuwarten. Ich schraube meine Erwartungen nicht zu hoch. Selbst ich wäre allerdings überrascht, wenn es gar nicht zur Sprache kommt. Der britische Premierminister David Cameron hat sich letztes Jahr immerhin auch überwunden und endlich mal ein Wort des Bedauerns geäußert. Da will Elli (wie ich die Queen in Anlehnung an meine Nichte gern nenne) sich sicherlich auch nicht lumpen lassen. Es geht schließlich um mehr als nur gutnachbarschaftliche Beziehungen. So ganz vergessen ist die Geschichte schließlich nicht. Und es gibt tatsächliche eine Fraktion, für die der Besuch mehr als nur symbolischen Charakter hat. Und ihr dürft sogar mal raten, wer das ist.

Die überwiegende Mehrheit von uns freut sich natürlich, dass die Queen kommt. Daran ändert auch das Verkehrschaos nichts und die Einschränkungen, mit denen wir für die paar Tage leben müssen. Wir haben gern Besuch und wenn Sie Zeit hätte, ich würde sie sogar auf ein Guinness in meine Stammtränke einladen. Die überwiegende Mehrheit sind natürlich aber nicht alle Iren. Da gibt es auch noch die ewig gestrigen Hohlköpfe von der IRA (bzw. deren Nachfolgeorganisationen). Deren politischer Arm Sinn Fein in Gestalt von Gerry Adams nannte den Besuch „verfrüht“, die radikaleren Mitglieder drohen gar mit Anschlägen. Für sie geht es immerhin um einiges.

Der Besuch der Queen besiegelt de facto den Friedensprozess in Nordirland. Die Kommentatoren sind sich einig, dass dies die letzte Gelegenheit für die Radikalen ist, groß aufzutrumpfen. Selbst in ihrem Stammland bricht die Unterstützung für deren Sache immer weiter weg. Trotz Rezession und Krise; den Bombenlegern von der IRA trauert niemand nach. Wenn der Besuch der Queen gut über die Bühne geht, dann können die Militanten im Prinzip einpacken und nach Hause gehen. Oder besser, noch sehr viel weiter weg. Am liebsten würden wir die nach Pinguinistan schicken. Morgens mit Nachrichten über verdächtige Pakete und irgendwelche Rohrbomben unter Autos aufzuwachen, da können wir alle drauf verzichten. Allein schon deswegen hoffen wir, dass nichts passiert. Im Prinzip haben wir aber volles Vertrauen in unsere uniformierten Hütchenträger. Wir harren also der Dinge, die da kommen mögen.


Die Queen hat ein straffes Programm. Sie betritt sogar Dublins heiligsten Boden und die Rede ist nicht von der Patricks Kirche. Die Queen kommt nach Croke Park. („Up the Dubs“ müsst ihr da rufen!) Nachdem sogar die englische Rugby Nationalmannschaft im Nationalstadion spielen durfte (inklusive Hymne „God Save The Queen“), war es eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis die Chefin nun auch ganz persönlich ihre Reverenz erweisen darf. Sie wird einen Kranz niederlegen, im Gedenken an das Massaker von 1920, dem ersten einer ganzen Reihe blutiger Sonntage (Bloody Sunday). Das ist für viele sicher ein ganz besonderer Moment.

Weitere Programmpunkte sind der “Garden of Remembrance” und Trinity College, wo sie sich das berühmte Book of Kells anschauen wird. Sie trifft Präsidentin Mary McAleese und natürlich unseren weisen Führer Taoiseach Enda Kenny.

Letztere hat übrigens in einer Rede an die Gegner des Staatsbesuch appelliert, doch bitte dafür zu sorgen, dass sie Irland nicht der Lächerlichkeit preisgeben mit irgendwelchen Schwachsinnsnummern. Ach, er kennt uns zu gut …


Am Ende geht man aber auch Nummer Sicher. Stolze 10.000 Polizisten und Soldaten sind im Einsatz. Man hat sich sogar Wasserwerfer aus Nordirland ausgeliehen. Das ist der größte Sicherheitseinsatz in der Geschichte des Landes. Und die allerbeste Nachricht ist: Ende des Monats kommt Barack Obama. Da wird alles noch viel schlimmer.

Immerhin gibt es eine gute Nachricht. Unsere weisen Herrscher sind der Überzeugung, dass das Geld für den Einsatz gut angelegt ist. Schließlich werden dank der "Gratiswerbung" von Queen und US Präsident Billionen von Menschen auf die Insel strömen und in bester Touristenmanier mit Reichtümern um sich werfen. WEIL, jetzt sind wir wieder wer. Bei uns geben sich die Führer der freien Welt die Klink in die Hand. Jetzt fehlt nur noch der Papst! Oder noch besser, wir wählen beim nächsten Mal einen irischen Pabst. Dann werden wir alle reich und kommen in den Himmel.

Dublin, 05/2011



Artikelübersicht

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- Führungswechsel in der Raserkartei
- Erlternzeit statt Mutterschutz?

2012
- Irland weint
- Irland sagt JA
- Irland soll es mal wieder richten
- Irland an vorderster Front

2011
- Formel 1 kommt nach Dublin
- Queenbesuch in Irland
- Mit Irland geht es zu Ende
- Irische Regierung kollabiert

2010
- Mit Steuergeld aus der Krise?
- Deutsche sterben bei Bootsunfall
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2009
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