What
it takes to be Irish
Ich
habe an
anderer Stelle einmal ausgeführt, was einen echten Deutschen
auszeichnet, weit verbreitete Vorurteile an der Realität gemessen
und gnadenlos entlarvt. Besonders meine irischen Kollegen waren
von dem kleinen Pamphlet restlos begeistert, auch wenn sie den hintersinnigen
Witz, die Quintessenz deutschen Humors bis heute nicht verstanden
haben. Nun ja, genau diesen Punkt wollte ich ursprünglich auch
illustrieren. Die Deutschen mögen nicht unbedingt in dem Ruf
stehen, doch finde ich persönlich, dass der deutsche Humor
einmalig ist.
Was macht nun einen wahren und aufrechten Iren aus? Die Frage ist
gar nicht so einfach zu beantworten und um uns der Lösung anzunähern,
sollte wir vielleicht erstmal in die tiefe Kiste mit Vorurteilen
und Gemeinplätzen greifen. Das ist spaßig und im Idealfall
sogar lehrreich. Wie stellen wir uns vor unserem geistigen Auge
einen waschechten Iren bzw. sein weibliches Pendant vor? Zur Erläuterung,
ich stelle mir einfach lieber Irinnen vor. Ist so ne Männersache.
OK, ohne jetzt irgendjemandem vorgreifen zu wollen, bleich, rothaarig
und sommerbesprosst vielleicht?
Fein, um dieses unser Vorurteil zu überprüfen habe ich
das Wort "Irin" in eine Bildersuchmaschine eingegeben
und die ersten 20 Treffer ausgewertet. Nun kann es ja sein, dass
die Suchmaschine einfach sch***ße ist, ein wenig überrascht
war ich aber schon. Nicht ein einziges rothaariges Wesen in der
Top 20, von Sommersprossen ganz zu schweigen. Bleich würde
ich die Mehrheit der unter dem Schlagwort "Irin" aufgelisteten
Kandidaten auch nicht nennen, das war also nichts.
Selbsterkenntnis
ist der erste Weg zur Heilanstalt, versuchen wir es also mit einem
etwas präziseren Suchbegriff. Wie wäre es mit Aoife?
Wem das nichts sagt, das ist der irischste aller irischen Vornamen
und entspricht unserer guten alten Eva. Da außer hier auf
Irland wohl niemand Eva als Aoife buchstabieren würde, besteht
wohl keinerlei Verwechslungsgefahr. Und so tat ich.
Tatsächlich
lieferte Yahoo Bilder unter genanntem Suchbegriff zwei rothaarige
Wesen, neben mehrere Blondinen und Brünetten allerdings. Das
Ganze klappt also nicht so recht, zumindest wenn wir davon ausgehen,
dass Dinge, die nicht in der Suchmaschine sind, auch nicht existieren.
Leute, die so etwas glauben nennt man glaube ich Unkologen.
Ich hab das gerade mal ge-googelt. Das Wort existiert bisher anscheinend
noch nicht, zu Unrecht wie ich meine. Das Wort ist eine Kreuzung
aus Unken und vielleicht noch Ontologe, um den existenzialistischen
Ansatz des Ganzen zu untermauern. Mich scheint heute wieder die
Muse zu küssen, was ich mir wiederfür feine Wörter
ausdenke. Doch zurück zu unserem kleinen Diskurs.
Die Frage war, ob es tatsächlich Iren mit ohne Sommersprossen
und roten Haaren gibt? Ich verrate euch ein Geheimnis: Tut es. Ich
würde jetzt gern eine meiner irischen Freundinnen als Beweis
dieser These nennen, mir ist aber gerade aufgefallen, dass ich deren
natürliche Haarfarbe nicht kenne.
Gut mit dem Aussehen klappt es also nicht, versuchen wir es mit
ein paar anderen Gemeinplätzen. Die Liste ist natürlich
nur vorläufig und entsprechend unvollständig. Ich schreib
nur mal auf, was mir spontan so einfällt. Nicht das ich darüber
lange nachgedacht hätte. Gar nicht, spontan und ansatzlos aus
der Feder floss es mir.
Da
wären also: Iren sind erzkatholisch, saufen wie der Leibhaftige,
sind unpünktlich, unzuverlässig, chaotisch, miserable
Autofahrer, lausige Liebhaber, gierig, haben schlechte Zähne,
sind Schwätzer vor dem Herrn und noch einmal gottlose Säufer,
rotbäckig, blauäugig, abgebrochene Gartenzwerge die an
Feen und Elfen glauben, unordentlich, übergewichtig und um
auch mal ein paar nette Vorurteile aufzulisten: nett, freundlich,
weltoffen, warmherzig und alle miteinander begnadete Sänger
und natürlich gottlose Säufer, nur um das noch einmal
zu betonen. Hatte ich schon erwähnt, dass die Iren alle Saufen
als wenn Alkohol morgen verboten würde? Gut.
Dekonstruktivist der ich bin, werde ich die einzelnen Punkte dieser
Liste nun der Reihe nach analysieren, ihren Wert eruieren und dann
die völlige Haltlosigkeit dieser Ansammlung von grotesken Vorurteilen
nicht nur aufzeigen sondern auch empirisch belegen.
Ich habe mir das alles also sehr gut überlegt und werde nun
stil- und zielsicher mit meiner Betrachtung beginnen. Als erstes
Beispiel wähle ich den irischen Premierminister Bertie
Ahern (sprich: ahööörn mit langen Ö
und kurzem A). Schließlich ist er erster Mann im Staate (rein
technisch natürlich nur der zweite hinter dem Präsidenten,
dessen Funktion ist aber eher repräsentativ, der Taoiseach
(sprich: Tischok) ist ganz wortwörtlich also der Boss und Anführer),
zudem weltbekannt und eine Art Vorzeige-Ire. Darin gleicht er in
gewisser Hinsicht Bono von U2, im Gegensatz zu dem glaubt Bertie
allerdings nicht ernsthaft daran, ein Geschenk Gottes an die Menschheit
zu sein.
Demnächst
sind übrigens Wahlen und ich hoffe ganz stark, dass Berti es
noch einmal schafft. Soweit es mich angeht, ist der amtierende Taoiseach
nämlich ein echter Kracher.
Ich
habe mich dem Anlass entsprechend mit der Vita Aherni vertraut
gemacht und diese gegen oben geführte, in dieser Form aber
geradezu schändliche Liste gelesen. Das Ergebnis überrascht
sicherlich niemanden.
Berti hat natürlich keine Sommersprossen, keine roten Haare
und keine schlechten Zähne. Er gilt allgemein als sehr umgänglich
und weltoffen, ist nachgewiesener Maßen korrupt, wurde trotzdem
wiedergewählt, ist Studienabbrecher der London School of
Economics, ein Freund der Fröhlichen (ein kleiner Euphemismus
schadet nie gelle?), Träger des deutschen Bundesverdienstkreuzes
am Band oder der Jacke oder der Hose, das habe ich jetzt wieder
vergessen, und anscheinend ist Bertie sogar geschieden. Kurz gesagt
ist er ein kontinental daherkommender, freundlich wenn auch nicht
über die Maßen begabter Wasser-Prediger und Wein-Säufer,
ein Politiker von Format also und vielleicht ein schlechtes Beispiel
in diesem Zusammenhang. Immerhin, das mit den roten Haaren können
wir jetzt glaube ich als erledigt betrachten.
(Kleiner Nachtrag: Bertie wurde wiedergewählt, musste allerdings
zurück treten. Im Zusammenhang mit seinen "Finanzen"
gab es etliche Ungereimtheiten und "Erinnerungslücken".
Schade drum, ich mochte ihn wirklich gern und seinen Job hat er
ordentlich gemacht. Sonst wäre Irland nicht da, wo es ist.)
Ich
kenne offen gestanden eine wesentlich größere Anzahl
deutscher Hexen äh Rothaarige wollte ich sagen, als irische.
Und Glashausbewohner sollen bekanntlich ja auch im Keller poppen
oder wie das schöne deutsche Sprichwort sagt: Wer im Schlachthaus
sitzt soll nicht mit Schweinen schmeißen. Das Thema ist
also erledigt, die Kuh vom Eis oder wie ein bekannter deutscher
Sportreporter es einmal formulierte: Der Drops ist gelutscht!
Gut ein, zwei Vorurteile haben wir ja noch abzuhaken. Vielleicht
sollte ich mich einfach mal in meinem Freundeskreis umschauen. Im
Prinzip sind das ja Iren wie du und ich, oder vielleicht auch nicht,
weil du und ich ja höchstwahrscheinlich beide deutsch sind.
Grübel, grübel, also eher wie Paddy McManus – wir
erinnern uns - der nette Ire von nebenan.
Nehmen
wir mal meinen Freund John, der hat uns ja früher schon als
Exempel gedient. Ihn arbeitsscheu zu nennen wäre eine Beleidigung
der wie ich glaube beachtliche Gruppe arbeitsscheuer Betätigungsverweigerer
rund um den Globus. Über das Stadium "arbeitsscheu"
ist John lange hinaus. Er ist fast schon homerisch in dieser Beziehung
und das im Sinne des Simpsonschen Homer. Wenn es ginge, würde
er sich wahrscheinlich Infusion und Katheter legen lassen, sodass
er weder essen noch aufs Klo rennen müsste. Wahrscheinlich
würde er dann aber aus seiner Stammkneipe rausfliegen und das
ist ein Risiko, dass er niemals eingehen würde.
Ob er handwerklich begabt ist, kann ich nicht beurteilen, es würde
mich aber überraschen (siehe Punkt 1). Da er sich bis heute
weigert, seine kleine Tochter taufen zu lassen, vermute ich auch,
dass er nicht unbedingt zum militanten Arm fanatischer Wochentagskatholiken
gehört, dass - wie soll ich es formulieren - es ihn äußerst
peripher tangiert, ob die Sonntagsmesse in Latein oder Englisch
(respektive Deutsch) gelesen wird, da diese ohnehin ohne ihn stattfindet.
In Religionsfragen könnte man ihn als desinteressiert, vielleicht
sogar ignorant bezeichnen. Und daran wird sich vermutlich wenig
ändern, zumindest solange die Messe nicht im Pub gelesen und
der Messwein an alle verteilt wird.
Was
fällt mir zu John noch so ein? Eine kleine Wampe … könnte
man schon so sagen, übertrieben groß ist er auch nicht,
er hat garantiert kein Schweigegelübde abgelegt … Was
noch? Ich habe ihn glaube ich nie singen hören, kann aber mit
Bestimmtheit sagen, dass er einer der begabtesten Kampftrinker ist,
mit denen ich jemals die Ehre hatte, ein Gläschen zu leeren.
Vielleicht ist John einfach kein gutes Beispiel. Er ist –
und ich möchte das ausdrücklich erwähnen –
ein guter Kerl, warmherzig, überdurchschnittlich intelligent
und außergewöhnlich belesen, nur eben kein gutes Beispiel
wenn es um das Widerlegen haltloser Vorurteile geht.
Wie wäre es denn mit Stephen? Wenigstens versucht er, kein
netter Kerl zu sein. Es klappt nur nicht besonders gut. Ich kaufe
ihm die Arschlochnummer jedenfalls nicht ab. Er ist viel zu hilfsbereit
und aufmerksam. Ne Wampe hat er nicht, dafür säuft er
wie ein Loch. Und ähnlich John ist er ein ganz schlauer und
sehr belesen. Außerdem ist er sehr pünktlich. Immer wenn
wir uns in der Kneipe treffen, ist er schon da. Meistens ist er
sogar schon leicht angezwitschert. Ob es da einen Zusammenhang gibt?
Ich glaube, dass alles in allem auch Stephen kein besonders glücklich
gewähltes Beispiel ist. Mit Michael, Peadar und John 2 sieht
es auch nicht viel besser aus. Wie wäre es denn mit …
ne das ist auch nicht so eine gute Idee.
Vielleicht
sollten wir es mal mit den Irinnen probieren. Ein viel dankbareres
Thema. Danielle … im Suff vom Dach eines Bungalows gefallen,
kein gutes Beispiel. Wie wäre es mit Sharon? Wo ich so darüber
nachdenke, eher nicht. Eine tolle Frau aber in diesem Zusammenhang
nicht hilfreich. … Laura? Die wäre noch nicht mal ein
gutes Beispiel wenn es darum ginge, schlechte Beispiele zu illustrieren
…
Ich stelle gerade fest, dass der Großteil meines Bekanntenkreises
aus Trümmertussen und Chaoten besteht. Woran liegt das bloß?
Ist wahrscheinlich meine soziale Ader. Summa summarum können
wir trotzdem aber festhalten, dass dieses Gerücht, Iren hätten
alle schlechte Zähne ein ganz Übles ist, nachredender
Weise. Wahrscheinlich handelt es sich dabei auch um eine Verwechslung.
Die mit den schlechten Zähnen sind nämlich die Schotten;
oooch sone Suffköppe.
**************
Nachtrag: Nur um es noch einmal klar zu stellen,
wir wollen ja hier keine Missverständnisse aufkommen lassen.
Vorurteile sind eine feine Sache und lustig und oft genug charakterisieren
sie bestimmte Wesenszüge sehr gut. Das heißt aber nicht,
dass man sich an solchen Vorurteilen festhalten soll. Bitte nicht
das kleine Augenzwinkern übersehen.
Die
Menschen meiner Wahlheimat sind in der überwiegenden Mehrheit
aufgeschlossene, nette Leute, von denen ein gewisser und sicherlich
im hohen zweistelligen Bereich liegender Prozentsatz gern mal im
Kreise neuer oder alter Freunde, Bekannter oder Verwandter schwätzt
und sich ein Pint genehmigt. Wer will es ihnen übel nehmen?
Iren
mögen hier und da Chaoten sein, aber das macht sie nicht weniger
liebenswert. Dass sie lausige Autofahrer sind, stimmt wirklich,
aber wenn die deutsche Führerscheinprüfung aus einem Onlinequiz
für Nachtschattengewächse bestände, wären wir
auch nicht besser. Und dass sie in Sachen Pünktlich- und Gründlichkeit
einen eher südeuropäischen statt deutschen Ansatz verfolgen,
kann ich ihnen nicht krumm nehmen. Ich bin kein Stück besser.
Ich habe es geschafft, den Beginn meiner Spätschicht zu verschlafen
und die begann seinerzeit um 15.00 Uhr.
Außerdem macht sie ihre "Mach ich’s heut nicht"-Einstellung
doch eigentlich erst richtig sympathisch. Recht haben sie. Meiner
ganz eigenen Philosophie zufolge, lösen sich die meisten Probleme
von ganz allein, wenn man nur lange genug wartet. Und das weiß
ich nicht erst seit unser dicker Einheitskanzler A.D. damit angefangen
hat!
Um
die Eingangsfrage ein für alle mal zu beantworten, "What
it takes to be Irish?" Im Prinzip ist es genau
dasselbe wie bei einem Deutschen, Franzosen, Italiener, Griechen
usw. Zwei Liebende braucht es, die sich zur rechten Zeit am rechten
Platz vereinen und keine Verhüterli benutzen. Der Rest ergibt
sich von selbst.
Ich
habe gesprochen!