The
Dark Side Of The Moon
Irland stellen sich viele Menschen als grüne Insel vor, bewohnt
von komischen kleinen Menschen, die lieb und freundlich sind, den
ganzen Tag saufen und musizieren. Das stimmt so natürlich nicht.
Erstens sind durchaus nicht alle Iren musikalisch oder spielen ein
Instrument und mit dem nett und freundlich ist es abseits von den
Touristenpfaden gelegentlich auch nicht soweit her.
In
mancher Hinsicht ist Irland dann halt doch ein Entwicklungsland. Der
industrielle Boom der Neunziger und vor allem die damit verbundene
Explosion der Hauspreise hat so manchem einen gewissen Wohlstand gebracht,
die gesellschaftliche Entwicklung konnte an etlichen Stellen jedoch
nicht mithalten. Irland ist auch das Land der Jogginghosen, Konflikte
werden oft genug mit brutaler Gewalt ausgetragen und Übergriffe
auf Ausländer sind nicht so selten, wie man denken sollte. Nun
unterscheidet sich Irland damit nicht von anderen Ländern, nur
steht es halt nicht in diesem Ruf.
Die überwiegende Mehrheit der Iren ist nachwievor freundlich
und aufgeschlossen, je nachdem wo man wohnt, gibt es aber halt auch
eine mehr oder weniger starke Fraktion von nennen wir sie mal Nationalisten.
Gerade für Neuankömmlinge kann das zu einem Kulturschock
ausarten. An die falschen Leute kann man halt überall geraten
und das gilt ganz explizit auch für Irland.
Ganz
besonders Dublin bleibt einem nicht nur in dieser Hinsicht in unangehmer
Erinnerung. Alles ist völlig überteuert bei oft miserabler
Qualität. Negatives Highlight sind die Hauspreise und Mieten.
Für ein kleines Zimmer (ca. 15 qm) in einem Haus, dass man sich
mit anderen Leidensgenossen teilt, muss man in den Vororten locker
300-400 Euro anlegen, die Preise in Dublin selbst sind noch einmal
beträchtlich höher. Eine Einraumwohnung bekommt man mit
viel Glück ab etwa 800 Euro (wohlgemerkt in den Vororten!).
Supermärkte sind im Schnitt doppelt so teuer wie in Deutschland,
dafür orientiert sich das Sortiment mittlerweile vermehrt auch
an kontinentalen Ansprüchen. Immerhin etwas. Es ist noch nicht
sooo lange her, da beschränkte sich das Wurstsortiment auf Schinken
und Corned Beef. Salami kaufte man als Delikatesse zu entsprechenden
Preisen. Mittlerweile bekomt man selbst in normalen Märkten 100
g abgepackte Salami für knapp 2 Euro, tiefgefrorene Pizza ab
2,60 Euro.
Die
Iren halten sich selbst für "laid back", in vielen
Bereichen führt das allerdings dazu, dass absolut nichts funktioniert.
Zum Beispiel die Infrastruktur der neu aus dem Boden gestampfte Viertel
zeugt nicht unbedingt von einem veränderten Bewusstsein oder
dass man aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt hätte. Anstatt
die Erschließung von neuen Baugebieten zu nutzen, auch die Infrastruktur
anzupassen, baut man so wie man es kennt. Das Resultat sind tägliches
Verkehrchaos und regelmäßige Überflutungen.
Zwar
regnet es in Irland eher häufig, dass bedeutet aber nicht, dass
man darauf eingestelt wäre. Die (durch mich) geschätzten
330 Niederschlagstage im Jahr haben nicht dazu geführt, dass
an eine vernünftige Kanalisation gedacht wird. Nach 6 Stunden
von etwas was wir als normalen Regen bezeichnen würden, stehen
die Straßen unter Wasser, nach zwei Tagen das ganze Land. Premierminister
Bertie sagt, es läge an der erhöhten und so nicht absehbaren
Regenmenge, laut meiner irischen Kollegen liegt es ganz einfach daran,
dass es zwar eine Planungs- und eine Baukomission gibt, beide aber
a) zur selben Zeit mit den Projekten anfangen (Planungs- und Bauphase
finden also gleichzeitig statt) und b) beide Behörden sich nicht
ausstehen können und deswegen nicht miteinander reden. Das führt
zu kuriosen Ergebnissen.
Mein
persönliches Lieblingsdesaster ist ja der Dublin Tunnel. Dieses
prestigeträchtige Großprojekt - es handelt sich um einen
Verkehrstunnel zum Hafen, der die Innenstadt vom Schwerverkehr entlasten
sollte - geriet zu einer Posse, die selbst im in dieser Beziehung
nicht gerade verwöhnten Irland für Aufsehen sorgte. Nach
Beginn der Bauarbeiten wies ein Reporter darauf hin, dass bei den
gegenwärtigen Maßen größere LKW's nicht durch
den Tunnel passen würden. Er ist schlicht und ergreifend nicht
hoch genug. Die Reaktion der verantwortlichen Behörden war folgende:
Laut Regierungssprecher würden kleine LKW's durchaus da durch
passen und es sei genau so von Anfang an gedacht gewesen.
Unnötig zu erwähnen, dass auch in Irland die überwiegende
Mehrheit des Lastverkehrs von ganz normalen LKW's erledigt wird. Zeitweise
hatte man sich wohl sogar überlegt, diese größeren
LKW's einfach aus dem Straßenverkehr zu verbannen. Was aus dieser
Posse wurde, weiß ich nicht, allerdings hat mir ein bei einer
Spedition angestellter Freund erzählt, dass die Dubliner Innenstadt
für den LKW-Verkehr kurzerhand gesperrt wurde. So kann man das
Problem natürlich auch lösen. Es ist ein etwas darwinistischer
Ansatz, bei den Dinosauriern hat das aber auch geklappt.

Irische Postkarte - Wainting for a bus (Photo
Stan. Briggs)
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Ein
weiterer Klassiker ist der ÖPNV (Öffentlicher Personen Nahverkehr).
Wer einmal in Dublin Bus gefahren ist, weiß was er getan hat.
So etwas wie Fahrpläne gibt es per se nicht, dafür hängt
an jeder Haltestelle eine Übersicht, wann der Bus von der Starthaltestelle
losfährt. Verlässt nun alle fünf Minuten ein Bus diese
Starthaltestelle, bedeutet das nicht, dass auch an der aktuellen Haltestelle
alle fünf Minuten ein Bus fährt. Es ist sogar hochgradig
unwahrscheinlich. Mein persönlicher Rekord liegt bei 45 Minuten
an einer Strecke, wo der Bus auf den ich wartete, alle fünf Minuten
hätte fahren sollen. Nicht nur mein Bus glänzte durch Abwesenheit,
auch von den fünf anderen Buslinien die dort langfahren keine
Spur. Das Ganze ist kein Einzelfall.
Irische
Busfahrer sind offenbar sehr scheu, sie fahren gern in Gruppen. Nachdem
man eine kleine Ewigkeit gewartet hat, darf man dann meist zwischen
vier Bussen wählen. Hat man ersteinmal einen der relativ modernen
Doppelstockbusse betreten, kann man was erleben. Selbst dem rennbegeisterten
ÖPNV Fan wird hier etwas geboten. Die Gruppe von Bussen wird
sich - und das ist so sicher wie das Guinness im Pub - für den
Rest der Strecke ein Rennen liefern. Ja man bekommt etwas für
sein Geld, oft sogar mehr als man wollte. Fairerweise muss ich sagen,
dass ich nur einen einzigen Unfall erlebt habe. Nun bin ich nicht
so wahnsinnig viel Bus gefahren, in Anbetracht des Fahrstils finde
ich es trotzdem bemerkenswert.
Ich will hier nicht
den falschen Eindruck erwecken. Irland ist insgesamt ein guter Platz
zum Leben, nur hat es halt auch seine Schattenseiten. On und wie man
diese warnimmt, hängt oft davon ab, wo man ist. In manchen Teilen
von Dublin empfiehlt es sich nicht, nachts allein auf der Straße
zu gehen, ganz wie in jeder anderen Großstadt also. Und auch
ob es sich lohnt, eine Hausrats- oder Diebstahlsversicherung abzuschließen,
hängt stark davon ab, wo man wohnt. Gerade im Zusammenhang mit
sportlichen Großereignissen, geht Manchem das Temperament durch
und man muss etwas aufpassen, mit wem man sich einlässt.
Wenn man sich erstmal etwas besser auskennt, ist das kaum noch ein
Problem, man meidet bestimmt Gegenden einfach und bestimmte Leute.
Im Großen und Ganzen ist auch Dublin relativ sicher. Die meisten
Gewaltverbrechen sind im Zusammenhang mit Gangs, Drogen und Waffenhandel.
Die Chance, in so etwas verwickelt zu werden, sind insgesamt glaube
ich gering, passieren kann es trotzdem.
Wie in wohl fast jedem anderen Land gibt es diese Schattenseiten halt
auch in Irland. Nach außen hin bekommt man davon kaum etwas
mit und das ist auch gut so. Ich habe in all den Jahren fast nur gute
Erfahrungen gemacht, allerdings habe ich auch genügend Leute
getroffen, die nach kurzer Zeit frustiert und enttäuscht das
Weite gesucht haben. Wer sich dagegen keinen Illusionen hingibt und
vielleicht auch einfach etwas Glück hat, kann hier durchaus sein
eigenes kleines Paradies finden.