Vorgeschichte
Archäologisch fassbar ist die Besiedlung Irlands seit etwa
6600 vor Christus. Den ersten Höhepunkt erlebte die Insel
mit der sogenannten Megalithkultur. Unter diesem Begriff werden
eine Reihe nicht miteinander verwandter Kulturen gefasst, deren
einzige Gemeinsamkeit es war, dass sie Bauwerke oder einzelne
Monumente aus unbearbeiteten Steinblöcken errichtetem, die
ein Gewicht von oft mehreren Tonnen hatten (mega = groß;
lithos = Stein). Der Begriff ist eigentlich also irreführend.
Unterschieden werden Hünengräber (Dolmen), Menhire (Stehende
Steine), Megalithen und Steinringe.
Megalithkulturen finden sich im Prinzip weltweit (denken wir nur
an die Osterinseln) im Zusammenhang mit Irland interessiert uns
aber vor allem der Nordwesten Europas. Verbindungen finden sich
wenig überraschend vor allem nach England und in die Bretagne.
Bei Megalith denken die meisten Menschen sicher zunächst
an die geheimnisumwobenen Steinkreise, über deren tatsächliche
Funktion Wissenschaftler und Möchtegern-Archäologen
nun schon seit Generationen rätseln.
Wohl jeder hat schon einmal von Stonehenge (Salisbury, England)
gehört, Callanish (Isle of Lewis, Schottland) und Carnac
(Bretagne) sind weitere Beispiele. Irland braucht sich was archäologische
Zeugnisse aus dieser Epoche angeht keinesfalls verstecken, allerdings
findet man hier vor allem Hühnengräber.
Am bekanntesten sind die Grabanlagen im sogenannten Bru na Boinne
(Tal der Könige) und wem das nichts sagt, der hat vielleicht
schon mal den Namen Newgrange gehört; Im Ensemble mit Knowth
und Dowth eines der beeindruckendsten Zeugnisse jener Epoche.
Ein weiteres bekanntestes Beispiel findet sich im Westen der Insel.
Tief im trockenen und karstigen Burren gelegen, findet sich gut
versteckt das Megalithgrab von Poulnabrone. Es ist nicht ganz
einfach zu finden, lohnt definitiv aber einen Besuch.
Die Kelten
In der Eisenzeit um wahrscheinlich 600 vor Christus erreichten
Krieger aus dem östlichen Europa die Insel: die Kelten. Sie
beherrschten die Insel für fast 1000 Jahre und sie legten
den Grundstein für das, was später irische Sprache und
Kultur werden würde. Leider gibt es wenige Zeugnisse aus
dieser Epoche. Obwohl die Phase eine eingehendere Betrachtung
verdienen würde, fasse ich mich hier sehr kurz. Es gibt sicher
genügend einschlägige Webseiten, die sich mit dieser
Thematik auseinandersetzen. Dieser Tage sind Kelten wieder hip!
Ganz
im Gegensatz zu England wurde die Insel übrigens nie von
Rom erobert. Einer der nicht von der Hand zu weisenden Vorteile
dieses Umstands ist, dass, während der Europas nach dem Zusammenbruch
des Imperium Romanum in ein dunkles Zeitalter versank, Irland
in jenen Jahren ein leuchtender Außenposten europäischer
Zivilisation war, eine Art Arche für die Weisheit des Westens.
Neben den fehlenden römischen Einflüssen hatte das vor
allem einen Grund: Irland wurde als eines der ersten Länder
überhaupt christianisiert. Das erklärt vielleicht nicht,
warum sie heute noch katholischer als der Vatikan sind, immerhin
aber warum in Zeiten allgemeinen Niedergangs in irischen Klöstern
die Fackel der Erkenntnis weiter brannte. Ursprünglich war
Christianisierung nämlich etwas Gutes und erst als die Kirche
sich von der Doktrin der Gewaltlosigkeit abwandte, wurde es für
die jeweiligen Zielregionen der Missionierung lebensgefährlich.
Warum
Irland? So genau kann ich das natürlich nicht beantworten,
doch denkt man einmal darüber nach ... tief in den Fängen
von Druiden und das in einem Land, in dem es von Geistern und
Kobolden nur so wimmelt und dann kommt einer und verkündet:
Alles wird gut ... eigentlich ist es kein Wunder. Außerdem
war erster Missionar jener Tage ein Mann, dem die Iren noch heute
auf Knien danken und tiefe Verehrung entgegenbringen; wenn auch
auf eine ganz eigene Art.
Es war der offizielle Nationalheilige der Iren, St. Patrick (385?
- 461), dem es beschieden war, die heidnischen Bäumeanbeter
aus der Dunkelheit keltischen Aberglaubens zum Lichte christlicher
Erkenntnis zu führen. Auf der Insel dankt man es ihm noch
immer mit Innbrunst und so ist es eine schöne Tradition,
sich am "Paddies Day" (17.3.) bei buntem Treiben schon
am frühen Morgen tüchtig einen hinter die Binde zu gießen.
So sind sie halt.
Wikinger
Im Verlaufe des 6. Jahrhunderts etablierte sich mit den Wikinger
ein neuer Machtfaktor in Nordeuropa. Mit ihren leichten und wendigen
Schiffen überfielen sie nicht nur Küstenstädte,
sondern drangen auch weit bis in das Landesinnere vor. Selbst
Paris war nicht sicher vor ihnen.
Seit dem späten 8. Jahrhundert fielen Wikinger verstärkt
auch in Irland ein. Nichts war vor den umherziehenden Banden sicher,
bevorzugt plünderten sie Klöster. Das war in keinster
Weise religiös motiviert, die Wikinger wussten ganz schlicht
und ergreifend, wo es etwas zu holen gab.
Ab
dem 9. Jahrhundert kamen die Nordmänner nicht mehr nur zum
Plündern, sondern ließen sich auf der grünen Insel
nieder. Sie gründeten ihre erste und wichtigste Siedlung
auf der Insel: Dublin.
Bis zu ihrer Vertreibung nutzten sie den Ort an der Mündung
der Liffey als Ausgangsort für Raubzüge, vermehrt aber
auch als Warenumschlagplatz. Nach und nach wurden aus den raubenden
und mordenden Barbaren Kaufleute und Kunsthandwerker. Auf dem
Höhepunkt ihrer Macht beherrschten die Wikinger (übersetzt
soviel wie Pirat) weite Teile Großbritanniens und hatten
sich auch in Irland häuslich niedergelassen. Dass dies nicht
immer nur zum Nachteil der Okkupierten war, zeigt der Aufstieg
zum Beispiel der Stadt York zur internationalen Handelsmetropole.
So richtig glücklich war man auf der Insel über die
Präsenz der Skandinavier zu keinem Zeitpunkt. Da Voraussetzung
zu einem Sieg über die Skandinavier allerdings Einigkeit
war, dauert es eine ganze Weile, bis man sich ihrer erwehren konnte.
In
der Schlacht von Clontarf schließlich, im Jahre 1014 besiegte
ein vereintes Aufgebot unter Brian Boru die Skandinavier. Es war
ein großer Moment. Was sie damals noch nicht wussten; es
sollte das letzte Mal sein, dass Irland fest in irischer Hand
war. Wer sich für mittelalterliche Kirchen interessiert:
Aus dieser Zeit stammt zum Beispiel die Christchurch in Dublin;
heute wie damals eines der Wahrzeichen der Stadt.
Normannen
Die Uneinigkeit der irischen Herrscherhäuser war immer schon
ein Problem gewesen, in den Machtkämpfen während der
Mitte des 12. Jahrhunderts wurde sie schließlich fatal.
Diarmait Mac Murchada auf der Suche nach Verstärkung für
seine ambitionierten Pläne lud die Normannen (übrigens
Abkömmling der Wikinger, die einst Frankreich terrorisierten)
auf die Insel ein. Die ließen sich nicht lang bitten.
Im Jahre 1169 landete ein starkes Aufgebot unter Führung
eines gewissen Strongbow, bekannt auch unter dem Namen Richard
de Clare, an der Ostküste. Die Normannen eroberten Dublin
und Wexford im Sturm, Waterford fiel im Jahre 1271.
Was Mac Murchada nicht bedacht hatte war, dass die Normannen treu
zur englischen Krone standen und die, nachdem sie einmal Fuß
gefasst hatte, zeigte keinerlei Neigung, die Insel wieder zu verlassen.
Irlands
Nemesis
England
setzte sich in einem breiten Streifen an der irischen Ostküste
fest und erklärte es zu englischem Hoheitsgebiet. König
Henry II. wurde vom Papst anerkannt und tituliert als "Lord
of Ireland". Zunächst war die Besatzung allerdings nicht
besonders erfolgreich. Es gab zahllose Rückschläge,
dass englisch besetzte Territorium war einfach zu klein.
Es
waren Henry VIII. und Elizabeth I., die Englands Herrschaft über
Irland ernsthaft etablierten und konsolidierten. 1541 gelang es
Henry auch formal zum König von Irland ausgerufen zu werden.
Seitdem versuchte die englische Krone, die sich 1534 von Rom losgesagt
hatte, loyale protestantische Bevölkerungsgruppen auf der
Insel anzusiedeln, zunächst mit mäßigem Erfolg.
Im Jahre 1607 allerdings verließen Hugh O'Neill, der Earl
of Tyrone, und 90 andere Chiefs unter etwas mysteriösen Umständen
den letzten irischen Stützpunkt in Ulster. England ließ
sich nicht lange bitten und auch gleich häuslich nieder.
Es begann ein Kolonisationsprojekt, unter dessen Auswirkung Irland
heute noch leidet.
Das fruchtbare Land wurde an linientreue Siedler vergeben, oft
als Gegenleistung für ihre Dienste in der Truppe. Sie blieben
unter sich, streng getrennt von den verarmten Einheimischen. Anfängliche
Reibereien uferten schnell in offenen Kampf aus; 1641 kam es zur
Rebellion.
Im folgenden englischen Bürgerkrieg 1642 bis 1649 kämpften
katholische Siedlern aus England und Einheimische Iren auf Seite
der Royalisten. Kurz gesprochen entlud sich in ihm die Spannung
zwischen dem absolutitischen gesinnten König Karl I. und
dem Unterhaus. Dahinter steckte aber mehr. Es war in erster Linie
ein Religionskampf zwischen Anglikanern, Puritanern, Presbyterianern
und natürlich Katholiken. Er endete mit der Hinrichtung des
Königs.
Eine der ersten Amtshandlungen des neu gegründeten Commonwealth
unter dem als Sieger aus den Kampfhandlungen hervorgegangenen
Oliver Chromwell war eine Strafexpedition nach Irland. Er wollte
ein Exempel statuieren.
Die zunächst gleichwertigen doch schlecht ausgerüsteten
Iren hatten keine Chance. Als am 11. September es zur Eroberung
Drogheda kam, richteten Chromwells Truppen ein schreckliches Massaker
an. Sämtliche Bewohner Droghedas wurden umgebracht oder deportiert.
Ähnliche Szenen spielten sich auch in Wexford ab. Der mit
äußerster Grausamkeit geführte Feldzug endete
mit einem totalen Sieg der Engländer, nach 1652 ebbte auch
der letzte Widerstand ab. Irland war verloren.
Die
dunklen Jahre
Im Jahre 1695 wurden harte Gesetze zur Unterdrückung der
Katholiken eingeführt. Ihnen war es verboten, Land zu kaufen,
ihre Kinder katholisch zu erziehen, einen juristischen Beruf auszuüben
oder in die Armee einzutreten. Das kulturelle Erbe der Iren wurde
mehr oder weniger verboten; irische Musik war verbannt, man versuchte
den Leuten gar ihre Geschichte zu rauben. Dass die Briten damit
eher das Gegenteil erreichten mag einen modernen Beobachter nicht
überraschen, der Stolz der Iren auf ihre Nation wurde höchstens
größer.
Katholische Messen wurden heimlich und im Freien gehalten, in
den sogenannten "hedge schools" (hedge = die Hecke)
wurden die Kinder unterrichtet, das irische Erbe hochgehalten.
Was Besitz anging, zahlte sich das System der Briten allerdings
aus. Um 1778 waren gerade einmal 5 Prozent des Landes in katholischem
Besitz - unnötog zu erwähnen, dass unter diesen Umständen
keine Ruhe einkehrte.
Gegen Ende des 18. jahrhunderts erreichte diese einen Grad, dass
protestantische Siedler, um ihre Sicherheit fürchtend, das
letzte bisschen Unabhängigkeit Irlands gegen den Schutz der
Krone eintauschten. Sie vollzogen eine formale politische Union
mit England.
Immerhin gelang es Daniel O'Connell die sogenannte Catholic Association
zu gründen, die den unterdrückten Katholiken zumindest
gewisse Rechte sicher konnte. Widerstand wurde weiter im Kleinen
geprobt. Gerade als dieser sich etwas besser zu organisieren verstand,
wurde das Land von der vielleicht größten Katastrophe
seit der Gründung Englands getroffen: Die große Hungersnot
von 1845-51.
Exodus
In jenen sechs Jahren fiel die Kartoffelernte fast vollständig
aus. Während Irland weiter Lebensmittel nach England exportierte,
verhungerten daheim fast eine Million Menschen; eine Katastrophe
apokalyptischen Ausmaßes, die das kulturelle Gedächtnis
nachhaltig prägen sollte. Die Menschen suchten ihr Heil in
der Flucht; der in diesen Jahren in Gang gesetzte Mechanismus
der Emmigration hielt bis weit ins 20. Jahrhundert an. Heute leben
mehr Iren außerhalb als auf der Insel selbst, unter anderem
eine Folge jener Hungersnot.
Der Weg zur Freiheit
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begann die so
genannte Home-Rule Bewegung für einen von England unabhängigen
Staat Irland zu werben. Die noch junge und gegen den Willen der
Mehrheit vollzogene Union mit England geriet ins Fadenkreuz einer
zunehmend stärker werdenden Unabhängigkeitsbewegung,
die sich vordergründig über die irische Traditionen
und Werte definierte. In der Hauptsache ging es natürlich
aber um Religion.
Ein tiefer Graben trennt bis auf den heutigen Tag die irische
Bevölkerung. In diesem Falle waren es katholischen Iren,
die für einen unabhängigen Staat kämpften gegen
protestantische, zu England und dem Vereinigten Königreich
loyalen Iren, die für die Beibehaltung der engen Anlehnung
an die Krone waren.
Bemerkenswerter Weise ließ sich diese Spaltung am Ende sogar
geografisch festmachen. Die loyalen Protestanten lebten hauptsächlich
in der Region um Belfast, der Provinz Ulster also, der Rest Irlands
war mehr oder weniger katholisch dominiert. Die Trennung spielte
auf mehreren Ebenen; selbst wirtschaftlich war Ulster vom Rest
des Landes getrennt. Während in der Region Belfast die industrielle
Revolution (ausgehend von Großbritannien aus natürlich)
Fuß gefasst hatte, betrieb man im Rest des Landes weiterhin
und hauptsächlich Landwirtschaft.
Der Konflikt war vorprogrammiert und eskalierte zusehends. Die
blutige Niederschlagung des Osteraufstandes des Jahres 1916 brachte
auch den letzten Iren auf die Seite der Separatisten. In den allgemeinen
Wahlen von 1918 errangen die Republikaner einen Kantersieg, erklärten
Irland kurzerhand für unabhängig und schufen ein eigenes
Unterhaus. Eamon de Valera, ein Überlebender des Osteraufstandes
wurde erster Vorsitzender der Kammer.
Es kam was kommen musste. Der irisch-englische Krieg tobte bis
Mitte 1921 und endete mit einer Art Patt. Im Anglo-Irish-Treaty
erhielten als Teil eines Waffenstillstandsabkommens 26 irische
Provinzen ihre Unabhängigkeit, den anderen sechs (in Ulster)
ließ man die Wahl, ob sie dem neu gegründeten irischen
Freistaat beitreten wollten. Das mehrheitlich protestantische
Ulster wollte nicht.
Im
Jahr 1937 wurde im Freistaat eine Verfassung verabschiedet, die
Irland aus dem Commonwealth herauslöste, 1948 erklärte
es sich zur Republik. Ein Jahr später (1949) trat die junge
Republik auch offiziell aus dem Commonwealth aus, im Republic
of Ireland Act wurden sämtliche noch bei der britischen Krone
verbliebenen Kompetenzen über innerirische Angelegenheiten
auf den Präsidenten der Republik Irland übertragen.
Ende gut, alles gut? Nicht ganz, der Konflikt in Nordirland schwelt
bis heute, ein Ende ist nicht in Sicht.