Irlands
schwarze Seele
Eines
der nationalen Symbole, geschätzt und verehrt wie sonst nur
der liebe Gott und vielleicht auch noch der Papst, heiliger Gral
irischer Lebensart, Inspiration für Generationen von Dichtern
und Denker, sinnstiftendes und verbindendes Laster, intellektuelle
Scheide zwischen Kneipenphilosoph und Gelegenheitstrinker; Guinness
ist mehr als nur ein Getränk. Wenn der Whisky das Wasser
des Lebens ist (Uisce beatha), so ist das Guinness der Quell der
Weisheit, ein Begleiter in guten wie in schlechten Tagen, ein
Freund der Fröhlichen, eine kulturelle Errungenschaft. So
etwas lässt sich nicht mit normalen Maßstäben
messen.
Ein
richtiges Guinness gibt es nur in Irland.
Ich
sollte vielleicht vorausschicken, dass ich hier etwas befangen
bin. Gut das bin ich sonst auch, aber hier besonders. Bei diesem
Thema kann man einfach kein neutraler Berichterstatter sein und
ich hoffe, das ist in Ordnung.
Wie
erklärt man einem Krokodil das Konzept vegetarischer Lebensart?
Vielleicht sollte ich anders anfangen. Mein Freund John ist ein
waschechter Ire. Er mag ein etwas ungewöhnliches Exemplar
sein, doch er hat mir viel beigebracht über Irland. John
glaube ich fast alles, der ist nämlich ein ganz schlauer
und weitgereist ist er auch. In der Hauptsache deswegen bezeichne
ich ihn als ein ungewöhnliches Exemplar.
Also
mein Freund John hat einen Traum. Er will unbedingt mal in die
Antarktis, weil er glaubt, dass es der einzige Ort auf Erden ist,
der einzige Kontinent, das einzige Land oder was auch immer die
Antarktis ist, wo es keine Bar gibt, die Reggae spielt. Das ergibt
jetzt nicht viel Sinn, ich weiß.
Nun ja, ich würde auch gern mal in die Antarktis und natürlich
habe auch ich einen ganz hervorragenden Grund dafür. Ich
glaube, die Antarktis ist der letzte verbliebene Ort auf Erden,
wo einem kein angeblich irisches Pub vorgaukelt, es hätte
anständiges Guinness. Das ist nämlich gelogen. Richtiges
Guinness gibt es nur in Irland! Basta!
Anmerkung: Mittlerweile war ein gemeinsamer Freund von uns in der Antarktis und er teilte uns mit, dass die lange nicht so leer ist wie gedacht. Es gibt dort sogar eine größere Ortschaft (McMurdo) und entsprechend auch eine Bar. Es ist also davon auszugehen, dass dort gelegentlich Reggae gespielt wird und garantiert haben die auch Dosen Guinness. Und so stirbt ein weitere Traum.
Mir ist schon klar, dass man selbst in Timbuktu - was abgelegeneres
fällt mir gerade nicht ein - oder sagen wir der inneren Mongolei
dunkles Stout bekommt, auf dem Guinness geschrieben steht, Guinness
und ich rede hier vom Dubliner Edelstoff gibt es trotzdem nur
in Irland. Und wer es einmal gekostet hat, wird mir zustimmen.
Ich möchte es einmal so erklären. Auf Katzennahrung
steht auch drauf, dass es aus alleredelster Hamsterlende ist,
trotzdem würde wohl keiner auf die Idee, mal schnell ein
Löffelchen zu kosten. Mit Guinness ist es ähnlich. Nur
weil lecker drauf steht, ist noch lange nicht lecker drin.
Eigentlich
ist es gar nicht so schwierig. Ich merke es mir immer so: Den
Papst gibt es in Rom, gekochtes Wildschwein in England, bekiffte
Deutsche in Holland, Schafskäse in Griechenland, halbgare
Pasta in Italien, fettfreies Fett im Land der Übergewichtigen
(genau die USA), Tequila in Mexiko, Otternasen im Nahen Osten,
Kängurus in Australien und richtiges Guinness in Irland.
Wenn man den Dreh einmal raus hat, ist es halb so schwer.

Bei den Iren gibt es ein Sprichwort: Guinness doesn't travel
well. (übersetzt Guinness reist nicht gern.) Ich habe
dazu eine Theorie oder besser gesagt ein "Was wäre wenn"
- Spiel.
Stellen
wir uns folgende Situation vor.
Das
fahle Licht der ersten Dämmerung kämpft mühsam,
auf verlorenem Posten an diesem neblig, wolkenverhangenen Morgen.
Regen kündigt sich an. Im matten Licht einer einzelnen Laterne
verladen die verschwiegensten Mitarbeiter der Guinnessbrauerei
die letzten Fässer auf den extra weich gefederten und mit
speziell schallgedämpften Flüstergummi bereiften Handwagen
der Abteilung VII. Niemand außerhalb der heiligen Mauern
weiß auch nur um die Existenz dieser Abteilung und das ist
gut so.
Drei
Kilometer Luftlinie entfernt schläft Paddy McManus in seiner
kleinen Kammer in der Parnel Street den Schlaf der Gerechten.
Wohlig blubbert es in seinem Bauch. Gestern war Zahltag und Zahltag
war immer ein guter Tag für Paddy. Den Scheck hatte er gut
angelegt.
Plötzlich
schrickt er hoch. War da ein Geräusch? Einbrecher? Unmöglich.
Bei Paddy gibt es nichts zu holen außer einem Satz heiße
Ohren und das weiß jeder. Letzten Winter hatte er sogar
seine Wohnungstür verheizt.
Trotzdem,
irgendetwas hatte ihn geweckt. Vorsichtig greift er nach seinem
Hurlingschläger und nähert sich der Türöffnung.
Nichts zu sehen, aber das Gefühl, die Ahnung bleibt. Er schleicht
auf die Straße. Was geht hier vor?
Paddy glaubt seinen Augen nicht zu trauen. Aus allen Richtungen
kommen sie, wilde Gestalten aus den dunkelsten Ecken der Stadt.
Nachthemden und Zipfelmützen soweit das Auge reicht. Sie
wittern Verrat.
Fast geräuschlos schieben die Mitarbeiter der Abteilung VII
den voll beladenen Wagen vom Hof der Brauerei. Was erwartet sie
diesmal? Die nächtlichen Straßen von Dublin sind nicht
ungefährlich.
Im
Schatten der Häuser schleichen sie die Thomas Street entlang,
St. James, es sieht gut aus. Auf Umwegen erreichen sie Dame Street,
da plötzlich ein Geräusch.
Paddy wähnt sich in einem schlechten Film, einem Albtraum
aus dem Giftküchen Hollywoods. Im grauen Nebel des frühen
Morgens schleppen sich hunderte Gestalten die O'Connel Street
hoch. Sie folgen einem Instinkt. Sie überqueren O'Connel
Bridge in Richtung Trinity. Etwas Unheimliches geht hier vor und
sie würden nicht ruhen, als bis die Gefahr gebannt ist. Kaum
biegt die Menge in die Dame Street ein, trifft sie die Erkenntnis.
Abteilung VII, diese Verräter. Sie versuchen es schon wieder.
Ein kollektiver Schrei entringt sich ihren Kehlen: Auf sie mit
Gebrüll. Wutentbrannt stürzen sie sich auf den Feind.
Die
Mitarbeiter von Abteilung VII laufen um ihr Leben. Dame Street,
so weit haben sie es noch nie geschafft. Das Guinness lassen sie
zurück. Ein kleiner Preis! Vielleicht schaffen sie es beim
nächsten Mal bis zum Hafen, wo das englische Schmugglerschiff
wartet. Sie werden es ihnen beweisen!
Ja Guinness reist nicht gern. Es stimmt schon. Ausländer
denken, dass Guinness der größte Exportschlager seit
U2 ist. Weit gefehlt. Die Plürre, die Guinness im Ausland
vertickt, wird auch da gebraut. Ich kann es natürlich nicht
beschwören, doch könnte ich wetten, dass in der Geschichte
der Brauerei noch nie auch nur ein einziges Fass die Insel verlassen
hat. Nur eine Theorie wie gesagt, doch ich würde mich nicht
wundern, wenn ich Recht hätte.
Das gute Guinness. Ich gebe zu, es ist etwas schwer zu erklären.
Es hat etwas metaphysisches. Mal ganz abgesehen davon, dass es
lecker schmeckt, strahlt Guinness eine besondere Ruhe aus. Guinnesstrinker
sind bedächtige Menschen, haben alle Zeit der Welt. Das fängt
schon beim Zapfen an. Es dauert eine kleine Ewigkeit.
Erst wird das Pint zu zwei Dritteln gefüllt, dann lässt
man es sich setzen. Erst wenn - was auch immer sich da setzt -
sich fertig gesetzt hat, das Stout hat jetzt seine typische schwarze
Farbe angenommen, füllt man es bis zum Rand.
Unten
schwarz, oben cremiger, weißer Schaum, der Profi trinkt
noch an der Bar einen Schluck ab; zu groß ist die Gefahr,
etwas zu verschütten. Ein perfektes Pint, nicht zu kalt,
lediglich leicht gekühlt, das Prozedere dauert gut und gern
drei bis vier Minuten.
Wir setzen uns mit dem Pint in eine ruhige Ecke und genießen.
Es ist wahrscheinlich so ähnlich, wie Löwenbräu
in München zu trinken, oder Flens in Schleswig, Tannenzäpfle
in Baden, Radeberger in Sachsen, Kamelpisse in Köln; die
Atmosphäre macht einen guten Teil des Genusserlebnisses aus.
Guinness und Dublin gehören einfach zusammen.
In einer dunklen und schäbigen Bar zu sitzen, der Himmel
wolkenverhangen, das Guinness in der Hand schwarz wie die Nacht,
da wird man ganz automatisch zum Philosophen. Guinness ist integraler,
unverzichtbarer Teil des Erlebnisses.
Es
ist eine Tatsache! Dublin versetzt einen in diese ganz besondere
Stimmung. Es ist eine kreative Melancholie, man ist an einem trostlosen
Ort und hat es sich auch noch selbst ausgesucht, die Schöne
und das Biest. Ohnmächtig ringt man mit dem Biest und versucht
verzweifelt die Schöne zu finden. Schnell stellt man fest,
dass es sie nicht gibt und säuft sich zum Ausgleich das Biest
schön. Funktioniert!
Dazu kommt das Grummeln im Magen, auf selbigen schlägt es
nämlich gar fürchterlich, zumindest auf den ungeübten.
Hat man sich exzessiv an Guinness vergangen, bekommt der Spruch
"Der Morgen danach" eine ganz neue Bedeutung. Die Morgentoilette
ist nicht angenehm und das ist ein Euphemismus. Meine irischen
Freunde versichern mir immer, das gibt sich mit der Zeit. Allein
glauben kann ich es nicht so recht. Die gehen auch zum Arzt, wenn
ihr Stuhlgang nicht pechschwarz ist.
Ich
habe ein wenig recherchiert deswegen. Ich habe den Verdacht, dass
selbst routinierte Guinnesstrinker unter einer ganz besonders
üblen Form von Magenwind leiden. Besonders seit Einführung
des allgemeinen Rauchverbotes in geschlossenen Räumen fällt
dies unangenehm auf. Ei der Daus; ich habe es mir zur Regel gemacht,
nicht in der Nähe von Guinnesstrinkern Platz zu nehmen. Zudem
scheint zu gelten: Je älter der Mann, desto übler der
Schiss.
Ein
kleiner Preis bedenkt man den Gewinn. Ja und damit ist es Zeit
für eine kleine Erfrischung. An morgen früh denke ich
jetzt noch nicht. Kleine Unannehmlichkeiten nimmt gern in Kauf,
wer vom Nektar der Grünen Insel naschen will. Es lohnt sich,
soviel kann ich verraten.
Slainte
