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Das Pub als gesellschaftlicher Mittelpunkt

Wohl niemand weiß genau, wie viele Pubs es in Irland nun eigentlich gibt, doch sind sich alle einig: Es gibt eine Menge. Historisch betrachtet, sind das Einzige, woran in Irland nie Mangel herrschte, Kirchen und Kneipen. Das trifft sich eigentlich relativ gut, da die meisten Iren erzkatholisch und gottlose Säufer sind. Ist so etwas wie Ying und Yang schätze ich. Selbst die größten Suffköppe gehen ganz selbstverständlich zur Messe bevor sie sich zum obligatorischen Pub-Lunch treffen.

Obwohl mittlerweile wesentlich liberaler als noch vor einigen Jahren gibt es doch so etwas wie Sperrstunden. Die gibt es in Deutschland zwar auch, in Irland sind sie allerdings ernst gemeint und entsprechend rigide. Man könnte es staatlich sanktioniertes "Spaßverderben" nennen. Da hat man sich gerade warmgetrunken und da kommt aus heiterem Nichts die "last order". Panik macht sich breit und man bestellt schnell noch mal eine Runde, unabhängig davon übrigens, ob man noch was trinken möchte. Es ist einfach der psychologische Druck, der einen an die Bar treibt.

Das Thema hat natürlich auch Literaten beschäftigt. Festgelegte Schankstunden sind schließlich nicht nach jedermans Geschmack. Man stelle sich folgendes Szenario vor: Plötzlich und völlig unvorhergesehen überfällt einen ein starker Durst und die Wirtschaft ist zu. Skandalös! Wir wären nicht in Irland, gäbe es in Anbetracht dieser schon fast amoralischen Einrichtung nicht ein Hintertürchen. Es gibt schließlich so etwas wie Notfälle. Die folgende Geschichte geht übrigens auf Heinrich Böll zurück, der uns in seinem Irischen Tagebuch von den Leiden und Problemen des jungen Seamus berichtet.


 

Im Sommer sei alles einfach, berichtet da Seamus. Da sind die Fremden im Dorf und so ist natürlich auch das Pub geöffnet. Seamus mischt sich einfach unter die Fremden, in gewisser Hinsicht ist er ja ein folkloristisches, den Fremdenverkehr förderndes Element. Ab September allerdings muss er seinen Durst timen. Da gibt es - Sonntags zum Beispiel - nur bis nachmittags um zwei und abends zwischen sechs und acht Uhr etwas zu trinken. Das ist hart, vor allem wenn das Mittag etwas länger gedauert hat und der Durst einen just um kurz nach zwei überfällt. Eine Alternative gibt es jedoch:

Nach irischem Recht darf man einem Reisenden nicht abweisen. Ist jemand also mehr als drei Meilen von zu Hause entfernt, darf ihm auch ein kühler Trunk nicht verweigert werden. Das Resultat ist, dass zwischen den Nachbardörfern nach Ausschankschluss ein wahrer Bevölkerungsaustausch stattfindet. Nach acht schwingt Mann sich schön beschwipst aufs Rad und "reist" ins sechs Meilen ferne Nachbardorf, da er als Reisender dort natürlich noch etwas bekommt. Was Seamus und seine Freunde von diesem Gesetz halten, dass sie zwingt sich halb besoffen auf dem Fahrrad abzustrampeln, erfährt der Leser natürlich auch noch. Es ist ein hübsches Stück irischer Realsatire, die Seite, auf der man die Geschichte früher nachlesen konnte, wurde leider entfernt. Ihr werdet euch Bölls "Irisches Tagebuch" leider also kaufen müssen.


Besonders Dublin ist sehr stolz auf sein literarisches Erbe. Saufen mit den Klassikern ist praktisch eine Institution. Es ist bemerkenswert, wieviele Iren ihre eigene Lesart zum Beispiel des Ulysses haben. Ich meine, ich wurde auch gezwungen die Buddenbrooks zu lesen, das bedeutet aber nicht, dass ich mich auch nur ansatzweise damit beschäftigt habe. Ganz ehrlich gesagt bin ich über Seite 43 nie hinausgekommen. Zu meiner Verteidigung, bis zu diesem Moment war rein handlungstechnisch nichts aber auch gar nichts passiert; Action? Totale und hundertprozentige Fehlanzeige. Bukowski wäre zu dem Zeitpunkt mindestens schon einmal vom Barhocker gefallen.

Nun ja, die Iren sind sich ihres kutlturellen Erbes jedenfalls bewusst und pflegen es nach Käften. So ist der Literary Pub Crawl durchaus keine faule Ausrede, sich mal wieder richtig einen hinter die Binde zu gießen. Für so etwas braucht man auf der Grünen Insel ohnehin keinen Anlass. Das macht man aus kulturellem Bewusstsein und Gewohnheit. Da Mutti in die Kneipe mitkommt, gibt es in der Regel auch keine Interessenkonflikte.

Es ist zugegeben auch einfach als Ire. Wenn Traditionspflege bedeutet, sich in einem der Mahnmale irischer Geschichte hackedicht zu saufen, braucht man dafür offensichtlich keinen Verein zu gründen.

Während viele der neueren Pubs die irlandtypische Atmosphäre nur imitieren, finden sich in Dublins Altstadt noch zahlreiche "authentische" Lokale. Nehmen wir das Brazen Head, nach Eigenaussage der älteste Pub Dublins wenn nicht sogar Irlands oder das Mulligans, die Lieblingskneipe von John F. Kennedy. Angeblich wurde sie 1882 das letzte Mal gestrichen.

Einer meiner persönlichen Favoriten war immer das Bachelor Inn. Es prahlt zwar nicht mit berühmten Namen oder Superlativen, aber es ist so authentisch wie es nur geht. Alles darin ist alt; das Inventar, der Barmann und natürlich die Gäste. Es war ein herrlicher Platz. Ja leider "war". Seit der Einführung des Rauchverbots mag ich es nicht mehr so gern. Es ist dasselbe Problem wie bei vielen dieser alten Pubs: Sie stinken. Abgesehen von Guinness trinkenden alten Männern hauchen sie den Dunst von Jahrzehnten aus; die edle Mischung aus Rauch, Bier und Kotze, wie sie sich nur in wirklich alten Lokalen findet. Früher ist es halt keinem aufgefallen.

Zunehmend zu einem Problem für Leute wie mich wird, dass die sogenannt "authentischen" Irish Pubs auf den Besucherschwund reagieren und renovieren. Das mag jetzt etwas schräg klingen, ist aber gar nicht spaßig gemeint.

Ein ausgesprochen trauriges Beispiel ist Peters Pub gleich um die Ecke von St. Stephens Green. Das hat wegen seines rustikalen Charmes, den stilechten Barmännern und seinem selbst für irischen Verhältnisse leckeren Guinness lange Zeit meine ganz persönliche Top 10 angeführt. Dann wurde es renoviert. Jetzt versprüht es höchstens noch den Charme eines Landkrankenhauses. Das Guinness ist imer noch gut und die Barleute haben nicht gewechselt, trotzdem treffen wir uns jetzt woanders. Der schmerzhafte Verlust unseres alten Stammlokales ist anders einfach nicht zu ertragen. Das renovierte Peters ist halt ungefähr so attraktiv wie ein rasierter Collie.


"Klagen ohne zu leiden" mag da manch einer sagen und vielleicht ist es auch so. Trotzdem musste es einmal gesagt werden. Irgendwo habe ich mal den Spruch gelesen: "Klotüren streichen ist wie Bücher verbrennen." Dem stimme ich zu. Mit alten Pub ist es ähnlich. Die zu renovieren, heißt sie zu zerstören. Mir ist schon klar, dass es für die eine Art Catch 22 ist, aber für mich gehören Läden wie das Peters halt unter Denkmalschutz gestellt. Basta.

Ich gebe j
a auch offen zu, dass so sehr ich den Verlust eines geliebten Ortes beklage, es natürlich auch Vorteile hat. Wo man sich früher am Sonntagnachmittag mit einem Buch in die Wirtschaft seines Vertrauens setzte, bleibt man jetzt zu Hause.

Da gibt es zwar kein Guinness, doch als fauler Mensch mit Prinzipien muss man auch mal Kompromisse eingehen. Da trinkt man zur Abwechslung halt Kaffee zum Kaffee. Das mag ungewohnt und deutlich weniger schmackhaft sein, schont aber Brieftasche und Gesundheit. Ist wahrscheinlich alles eine Frage der Gewöhnung.


Was ich mit diesem kleinen Diskurs eigentlich sagen wollte ist, dass Dublins Kneipen voller Anekdoten sind und wenn man sich in einer der ruhigeren Bars als neugieriger Ausländer outet, erfährt man einiges über irische Größe. Die Kneipenphilosophen unserer Tage sind nie abgeneigt, eine Geschichten zum Besten zu geben und man lernt so einiges daraus. Eintauchen in die irische Kultur is sooooo schön!


 

 

 




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