By Robert Mandel, UK - Email from the author, CC BY 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=64050045

Wir müssen über den Brexit reden

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Irgendwie habe ich das Thema bisher komplett ignoriert. Ehrlich gesagt bin ich davon ausgegangen, dass es nicht zum Brexit kommt, weil die Briten sind ja nicht bescheuert. Und in meiner sozialen Blase wollte es wirklich niemand. Mit dem Ergebnis der Parlamentswahl vor Augen muss ich mich von dieser Illusion verabschieden. Wir müssen über den Brexit reden.

Ich bin grundsätzlich der Meinung, dass jedes demokratische Volk die Regierung hat, die es verdient. Ich sage das nicht aus Klugscheißerei. In Deutschland sind wir schließlich auch nicht gerade gesegnet. Bei uns scheint für Wahlen zu gelten: Je hohler die Phrase, desto besser das Ergebnis. „Meine Wahl“ ist unsere Regierung schon lange nicht mehr. Dass die Nazis zweistellig sind und die dem Namen nach sozialdemokratischer Partei gerade noch auf dem vierten Platz landet, finde ich beschämend. Die SPD hat zugegebenermaßen aber selber schuld.

Was ich sagen will ist, mein Mitleid mit den Briten hält sich in Grenzen. So sehr es mir für meine Freunde dort leid tut, sie – im Sinne des Volkes – haben es so gewollt. Irland dagegen kann für die Hybris der Briten nichts (weder Nord- noch Republik Irland), sie baden den Quatsch jetzt allerdings mit aus. Und das ist nicht fair.

Besonders die Bewohner der Grenzregion sind verunsichert. Ihre Stimme wurde nicht gehört, trotzdem tragen sie die Konsequenzen. Und es sind keine imaginären Ägste, wie die Angst vor Überfremdung in Bundesländern mit de facto null Ausländern, es ist die sehr konkrete Angst vor einer harten Grenze mit allen ihren Folgen.

Diese Angst grassiert auf beiden Seiten der Grenze, betrifft Nordiren genauso wie die in der Republik. Umfragen zeigen, dass selbst die Drohung eines Brexits tiefgreifende Veränderungen mit sich gebracht hat. So wurden sowohl geschäftliche als auch private Entscheidungen wegen der potenzialen finanziellen Unsicherheiten auf Eis gelegt. Schon jetzt sind Jobs weggefallen und es wird vermutlich noch schlimmer werden.

Übereinstimmen berichten sie auch vom Gefühl der Ohnmacht. Sie wurden nicht angehört, sind Spielball in einem größeren Spiel. Und das stinkt den Leuten gewaltig.

Wir müssen über den Brexit reden

Die größte Angst ist aktuell ein ungeregelter Brexit mit einer harten Grenze. Die Wahrscheinlichkeit ist mit dem Wahlsieg Boris Johnsons leider noch einmal akut gestiegen. Die Wahrscheinlichkeit, innerhalb eines Jahres einen umfassenden Deal zu verhandeln, ist nicht sehr hoch. Zumal Johnson es ja geradezu darauf anzulegen scheint. Was den Mini Trump umtreibt, erschließt sich hier wirklich keinem mehr. Die meisten Leute sind auch hier davon ausgegangen, dass es schon schlimm schon nicht werden wird, aber mittlerweile ist klar: Wir müssen über den Brexit reden. Es stinkt!

Früher, so sagen sie hier im Grenzgebiet, kannten wir es nicht anders. Die Grenze war einfach eine Realität. Wir können und wollen nicht mehr in diese Zeit zurück. Früher, das war nicht nur eine harte Grenze, es war IRA, Attentate, Waffenschmuggel, Kriminalität, eingeschränkte Bewegungsfreiheit. Wirklich niemand in Irland will das noch eimal erleben.

Allein auf Seiten der Republik wohnen fast 130.000 Menschen in einem 10 Kilometer Korridor entlang der Grenze. Fußläufig, also innerhalb von 2 Kilometern, sind es immerhin noch 14.000. Immerhin gibt es relativ wenig Commuter, also Leute die auf der einen Seite wohnen und auf der anderen arbeiten (6.1%), in der Zahl nicht enthalten sind aber zum Beispiel Lieferanten und Farmer, die vielleicht auf beiden Seiten der Grenze Äcker bewirtschaften .

Schon jetzt sind Altersdurchschnitt und Arbeitslosigkeit im Grenzgebiet vergleichsweise hoch. Dasselbe gilt für den Leerstand bei Häusern und Wohnungen. Dabei sind die im Durchschnitt jünger als im Landesdurchschnitt. Wer auch immer in letzter Zeit im Grenzgebiet gebaut hat, wird sich jetzt die Platze an den Hals ärgern. Der Wert der Häuser sinkt, ganz im Gegensatz zum Rest des Landes.

Kurz gesprochen, die Grenzbewohner sind die größten Deppen in diesem sinnlosen Spiel, wo eigentlich alle verlieren. Warum das Ganze?

Fragt die Briten!

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